Seit mehreren Jahren fahren wir im Spätsommer nach Santenay, um der Winzerfamilie Jacques Girardin bei der Weinlese zu helfen. Das ist immer wieder ein beeindruckender Blick hinter die Kulisses des Etiketts auf der Flasche. Besser kann man sich nicht den Trauben, den verschiedenen Böden, Lagen und Jahrgängen annähern. Santenay liegt am südlichsten Zipfel der Côte d’Or im Burgund und hat etwa 900 Einwohner. Das Dorf rühmt sich für seine Weine, ein Thermalbad und ein Casino.
Die Domaine Girardin
Die Geschichte der Winzerfamilie Girardin geht zurück zu den Anfänges des 19. Jahrhunderts, aber erst Jean Girardin begann nach dem 2. Weltkrieg mit Weinbau im größeren Stil im Château de la Charrière und beendete seine Berufslaufbahn als einer der wichtigesten Winzer in Santenay. Er vererbte das Unternhemen an seine Söhne Vincent und Jacques. Jacques Girardin vergrößerte, ganz in der Tradition seines Vaters, seine Rebfläche kontinuierlich. Heute gehören zur Domaine Jacques Girardin etwa 16 ha Rebfläche, darunter Santenay 1er cru Clos Rousseau (0.45 ha), Chassagne-Montrachet 1er cru Morgeot (0.36 ha), Santenay 1er cru Beauregard (1 ha), Pommard (0.70 ha), Savigny les Beaune (0.45 ha), sowie verschieden große Lagen Santenay 1er cru Beaurepaire, Santenay blanc, Santenay rouge und Bourgogne rouge. Besonders herauszuheben ist der großartige Pommard, ein elegant-fruchtiger Wein, der, nach richtiger Lagerung (mind. 5-7 Jahre) die ganze Größe der Pinot Noir Traube zeigt. Ein hervorragendes Zusammenspiel von voller Frucht, dezenter Säre und gleichsam präsenten und dezenten Tanninen. Der Rotwein ist durchweg Pinot Noir, der weiße Chardonnay. Zurück zur Ernte.
Die Weinernte 2009 begann am 12.09. Morgens um halb 8 klettern etwa 30 Erntehelfer in einen weißen VW LT Kastenwagen und einen alten Peugeot Transporter. In beide Wagen sind aus Holz an den Seiten provisorisch zwei Bänke gezimmert. Nach kurzer Fahrt steigt die Gesellschaft aus. Jeder bekommt einen Plastikeimer und eine Schere, einige eine große Plastekiepe auf den Rücken. Die Träger heißen porteur und sammeln die von den coupeurs in die Eimer geschnittenen Trauben zum ben, dem Hänger, zu bringen. Die Coupeure schneiden los, bis Ihr Eimer voll ist. Dann ruft einer panier!. Das ist das Zeichen, die Trauben in die Kiepe zu kippen. Dabei hat jeder Porteur pro Feld ein festes Team an Coupeuren.
Mittagspause
In der Pause um 10 werden die ersten Flaschen blanc geöffnet. Die Arbeit danach fällt, je nach Konstitution des Einzelnen, entweder besonders leicht oder geht sehr schwer. Die Mittagspause pünktlich um 12h geht es zurück zum Mittagessen. Es gibt immer vier Gänge: Vorspeise, Hauptgang, Käse und Nachspeise. Dazu Wein, Wasser, Kaffee. Ruhepause bis 13:30 Uhr. Wer noch Kraft hat, spielt eine Runde Tischtennis oder Boule. Alle anderen suchen maximale Erholung im Bett.
Nachmittag
Danach geht es wieder auf die Felder. Langsam zeigt es sich, wer ein alter Haase und wer noch neu im Business ist. Unglaublich, wie schnell sich manch einer durch die Reihen pflügt. Bei den roten Trauben, dem Pinot Noir muss der Coupeur bei jeder Traube erneut entscheiden, ob sie schon reif genug ist für den guten Wein oder schon vergammelt. Nur tief rote Trauben dürfen in den Einer. Sind Sie noch Rosa oder zu fest, tragen sie noch nicht genug Zucker und verfälschen die Farbe. Am Ende steht immer noch einer auf dem Hänger und sortiert die schlechten Trauben wieder aus. Am Ende eines Feldes sammelt sich nicht selten ein hübsches Häufchen aussortierten Trauben rings um den Hänger an.
Feierabend
Feierabend ist um 17:30. Zurück im Hauptquartier. Den Coupeuren schmerzen die Hände, der Rücken und die Knie vom ständigen Arbeiten in Hüfthöhe. Den Porteuren schmerzen Schultern, Füße und Waden. Zu diesem Zeitpunkt erscheint es vor allem den Neulingen unmöglich, diese harte Arbeit noch weitere acht oder neun Tage durchzuhalten. Trotzdem treibt es uns immer wieder hinaus, die Umgebung kennen zu lernen. Wir fahren in die umliegenden Dörfer Chagny oder Rochepot und bewundern die mittelalterlichen Siedlungskerne. In Nolay zum Beispiel finden wir überrascht einen überdachten Marktplatz aus dem 14. Jahrhundert. Einzigartig ist auch der Ausblick von 3 Croix, dem Hausberg von Santenay Le Haut.
Nach dem Abendessen, wieder gibt es die vier Gänge, mobilisieren wir die letzten Energien und trinken Wein, Bier und Pastis, spielen eine Partie Tischtennis oder Frisbee und pokern gegen die Einheimischen. Noch vor Mitternacht liegen alle im Bett. Am nächsten Morgen um 6:45 Uhr werden wir jäh aus unseren Träumen gerissen. Valérie, die Patrone macht das gleißend helle Licht an und ruft: „Bonjour, il est sept heures moins le quart.“ Wir tasten nach unseren Kleidern und gehen wie ferngesteuert zum Frühstück. Acht Stunden Feldarbeit warten auf uns. Noch neun Mal.
Die Erkenntnis
Im Laufe der 10 Tage Weinlese haben wir große Namen geerntet. Ein Chassagne-Montrachet gehört zu dem besten, was man an weißen Weinen trinken kann. Der Pommard von Jacques Girardin ist einzigartig. Aber auch die für die Côte d‘Or weniger großen Namen wie Beauregard 1er Cru, Clos Rousseau 1er Cru, Maladière 1er Cru oder Sous la Roche (eines der härtesten Felder bei der Ernte, aber einer der besten Weine) erzeugen großartige Pinot Noirs und Chardonnays. Es ist spannend, wie die verschiedenen Böden und Lagen derart verschiede Weine aus ein und derselben Traube entstehen lassen. Der Lehmboden von Maladière produziert satte, tanninreiche Weine, während Sous la Roche, fruchtige und voluminöse Tropfen hervorbringt.
Wie der Wein von Jacques Girardin verarbeitet wird, was mit Most und Fässern geschieht – dazu bald mehr in einem neuen Artikel.
Wie wird der Jahrgang 2009?
Es war ein sehr gutes Jahr im Burgund. Ein kalter Winter 2008/2009 tötete Schädlinge und verhinderte eine zu frühe Knospenbildung. Der März und April brachten viel Sonne und milde Temperaturen. Auch der Sommer war freundlich. Gelegentliche Regenschauer verhinderten ein Austrocknen der Reben. Kühlere Nächte und Nordwind Anfang bis Mitte September ließen die Trauben ausreifen und verhinderten Krankheitsbefall. Die guten Bedingungen machten eine vendange en vert, das vorzeitige Schneiden einiger Trauben, um die Energien in die verbleibenden Berren zu lenken, unnötig. Der 2009er verspricht die Neuner-Tradition der legendären Jahrgänge 1959, 1969, 1979, 1989, 1999, 2009 fort zu führen.
Andreas
Bilder ©:
- n’rico
- plapytus





